Rees die älteste Stadt am unteren Niederrhein

Wer heute das kleine Städtchen Rees am Niederrhein besucht, ahnt kaum etwas von der herausragenden Bedeutung, die dieser Ort während des Mittelalters in wirtschaftlicher und wehrtechnischer Hinsicht für die gesamte Niederrhein-Region hatte. Tatsächlich lösten sich hier sechs unterschiedliche Wehesysteme während des 12. bis 18. Jahrhunderts ab, erbaut von vier verschieden Nationen Europas.
Mit jeder Neubestfetigung änderte Rees sein äusseres Erscheinungsbild beträchtlich. Dadurch eröffnen sich nicht nur aufschlussreiche Einsichten in verschiedene Wehesysteme des Mittelalters und der frühen Neuzeit, sondern auch in entscheidende Phasen der europäischen Kriegstechnik und in deren individuelle nationale Ausprägungen.

Stadtumwehrung

Die Siedlung und frühmittelalterliche Stadtumwehrung sowie die mittelalterliche/früh-neuzeitliche Stadtumwehrung von Rees mit Mauern, kasemattiertem Wall und Graben sind in weiten Bereichen als Bau- und Bodendenkmal erhalten und bieten einen interessanten Hintergrund für einen Spaziergang durch die älteste Stadt am unteren Niederrhein. 

Unterirdische Kasematte

Die Reeser Kasematten (feuerfeste Geschützkammern) gehören zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen/frühneuzeitlichen Festungsanlagen im Rheinland. Bereits am Ende des 13. Jh. wurde die Stadt aufgrund ihrer herausragenden wirtschaftlichen Bedeutung mit einer Stadtbefestigung umbaut. Rees hat in sehr anschaulicher Form Teile seiner mittelalterlichen Festungsanlagen, vor allem die Rheinseite mit dem Zollturm (13. Jh.), dem Mühlenturm (um 1470) und dem eindrucksvollen Rondell (um 1300) mit der ältesten Reeser Kasematte, bewahren können.
Zwei weitere gut erhaltene und zurzeit schon öffentlich zugängliche Kasematten aus dem 16. Jh. mit tunnelartigen gewölbten Gängen und Schiesskammern mit Rauchabzugsöffnungen bzw. Schiessscharten befinden sich unter dem Städtischen Museum "Koenraad Bosman" und in der Bastei am Westring.

Bastei am Westring mit unterirdischer Kasematte Erbaut 1583, lange Zeit verschüttet, 1920 freigelegt. Die Bastei (vor-springender Teil an alten Festungsbauten) ist Bestandteil der damaligen Festungsanlage Rees. Das Bauwerk, das in Anlehnung an die Bastionsentwürfe des Künstlers Albrecht Dürer entstand, wurde aus Backsteinen halbmondförmig symmetrisch angelegt. In den ca. 70 cm starken Aussenmauern zum Rhein hin befinden sich zangenförmige Schiessscharten mit runden Schusslöchern für kleinkalibrige Geschütze und Handgewehre. Erreicht wurde die Bastei durch ein Y-förmiges Gangsystem aus gewölbten Tunneln; der Zugang erfolgte von der Stadtmitte her. Zwei Gänge, die schräg aufeinander zulaufen, sicherten früher den Abschnitt zwischen Rhinwicker Tor und Delltor. Durch die leicht abschüssigen Kasemattenböden konnten die Geschütze schneller und leichter abtransportiert werden.

Historische Stadtmauer

Die Reeser Stadtbefestigung zählte einst zu den bedeutendsten am Niederrhein. Bereits zur Stadterhebung 1228 besass Rees einen Ringwall aus Holz/Erde, der die Siedlung Rees umschloss. Erst 1289 begannen die Reeser auf Anordnung des Kölner Erzbischofes mit dem Bau einer Stadtmauer. Die Höhe der Mauer und der Türme, sowie deren Anzahl, liessen erkennen, wie bedeutend die Stadt war. Ausserdem bot die Stadtmauer Schutz vor herumstreifenden Plünderern oder wilden Tieren. Innerhalb der Mauern galt besonderes Recht (Rechts- und Zollbezirk), das die Stadtbürger besser schützen sollte. Finanziert wurde diese Baumassnahme aus der städti schen Verbrauchssteuer und später aus dem Karrenzoll. Der Bau der neuen Massivbewehrung zog sich bis zur Mitte des 14. Jh. hin. Im ersten Abschnitt befestigte man den gefährdetsten Bereich der Stadt, nämlich die Stromseite. Erst 1310 - 1350 begannen die Reeser den landwärtigen Befestigungsabschnitt anzulegen, den Abschluss bildete die zwischenzeitlich überbaute runde Bastion unterhalb des Rheintors.
Bis heute ist die historische Stadtmauer in erheblichen Teilen erhalten. 

   

Rondell

Als Teil der mittelalterlichen Stadtumwehrung wurde der Rundturm erstmalig 1329 als „Rundeyl“  -Rondell- erwähnt. Aus dem recht kleinen Rundturm entwickelte sich über mehrere Um- und Ausbauphasen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts der heutige Baukörper mit seinen schrägen Wänden. Um 1520 wurde der Turm erweitert und mit Schiesskammern in südwestlicher Richtung versehen. Die nördliche Schiesskammer wurde ca. 1583 als Tonnengewölbe mit zwei Rundlochscharten ausgebaut. Auch die südliche Schiesskammer erhielt zu dieser Zeit ein Gewölbe; in beide Gewölbe wurden zur besseren Belüftung und zum Abzug des Pulverdampfes Deckenluken eingebaut. Nach 1758 nutzten die Franzosen das Rondell als Munitionslager und legten auf wesentlich höherem Niveau die heute begehbaren gewölbten Kasematten an.
Die umfangreichen Ausbesserungsarbeiten an den Außenwänden lassen die zahlreichen Beschädigungen durch Hochwasser und Eisgang des Rheines erkennen, denn bis 1671 floss der Rhein in einer Schleife direkt auf das Rondell zu. 

   

Bodendenkmal

Die freigelegten Mauern, Reste der von den Niederländern von 1616 - 1625 errichteten Festungswerke, stammen von einem Verbindungsdamm (sog. Bären) zwischen der Stadtmauer und einer vorgelagerten Aussenbastion, einem Hornwerk. Dieser Verbindungsdamm trennte den vom Rheinstrom abzweigenden Festungsgraben von dem landseitigen Festungsgraben. Eine Schleuse mit Schiebevorrichtung ermöglichte die Regulierung des Wasserstandes im äusseren und inneren Graben. Ausserdem übernahm der Reeser „Bär“, dessen Inneres mit Lehm verfüllt und zusätzlich durch Mauerpfeiler und Binnenwände verstärkt war, eine Schutzfunktion gegen Hochwasser und Eisgang.  

   

Jüdische Friedhof auf der Stadtmauer am Weissen Turm

Um 1700 verkaufte die Stadt Rees der jüdischen Gemeinde ein Grundstück auf der ca. acht Meter breiten Stadtmauer zur Anlage eines hochwasserfreien Friedhofes. Dieser wurde 1786 erweitert. 1872 wurde dieser Friedhof wegen vollständiger Belegung geschlossen.  Die Lage dieses Friedhofes ist einmalig im Rheinland. Da jüdische Beerdigungen im damaligen Zeitraum auf Anweisung des Magistrats von Rees ausserhalb der Stadt vorgeschrieben waren, hätten die Gräber im Umfeld der Stadt bei Rheinhochwassern weggespült werden können. Die Beisetzungen auf der hochwasserfreien Stadtmauer verletzten nicht die Anweisung der Stadt.

 

Pegelturm
 
Der neuzeitliche Turm gehört nicht zur historischen Stadtbefestigung. Er wird vom Wasser- und Schifffahrtsamt Duisburg für die Schifffahrt unterhalten.
 

 


Alter Zollturm (Töldersturm)

 
Erbaut 1299. Er diente zur Überwachung des Kölner und Klever Rheinzolles. Die Quader im unteren Drittel stammen aus den damaligen erzbischöflichen Steinbrüchen oberhalb des Siebengebirges.


 

 

Mühlenturm

1470 wurde er als Rundturm aus Backsteinen mit einem Mauersockel aus Basaltsteinen der 3 km entfernten Burg Aspel errichtet.
Der Mühlenturm erfüllte drei Aufgaben: In ihm war eine Loh – Mühle, die Gerbstoffe herstellte, untergebracht. Er diente der Verteidigung und konnte dazu mit kleinen Mauergeschützen armiert werden. Bei schwerem Eisgang des Rheins stand er als Bollwerk gegen den Eisdruck. Eine alte Sage berichtet von folgender Tragödie, die sich hier abgespielt haben soll:

Der Müller, der mit seiner einzigen Tochter in der Mühle wohnte, führte ein so verschwenderisches Leben, dass die Einkünfte der Mühle nicht mehr ausreichten, seine Schulden abzutragen. Ein reicher Händler, dem die schöne Müllerstochter gefiel, lieh dem Müller immer wieder bedeutende Summen Geld, damit er seine Schulden begleichen konnte. Als Gegenleistung forderte der Händler von dem Müller dessen Tochter zur Gemahlin. Die jedoch hatte in dem Müllersknecht ihren Eheliebsten gefunden und weigerte sich, den Händler zum Ehemann zu nehmen. Auch der Müllersknecht machte nun beim Müller einen Eheantrag und versprach durch Fleiss und Ausdauer die Schulden zurückzuzahlen. Dem Müller war jedoch sein Knecht als Schwiegersohn zuwider und es kam auf der obersten Plattform zu einer heftigen Auseinandersetzung, die in einem Zweikampf endete. Der Müller stürzte in die Tiefe und riss seinen Knecht mit in den Tod. Zur Erinnerung an dieses schreckliche Ende des Müllers und seines Knechtes hat man später die Gestalten der beiden Männer in andersfarbigen Ziegeln in der Mauer des Turms abgebildet. 

     

Weitere Bilder im Fotoalbum Rees
 

     PDF Downloads weitere Denkmäler in und um Rees

     Broschüre Stadt Umwehrung
     Broschüre Haus Aspel
     Broschüre Schloss Bellinghoven
     Broschüre Schloss Hueth
     Broschüre Scholtenmühle
     Broschüre Kirchen und Kapellen